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«Radioaktivitäts-Mangel ist ungesund»

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US-Forscher will Atommüll-Pillen gegen Krebs verschreiben

«Radioaktive Strahlung verhindert viele Krebserkrankungen»: Mit dieser These erregt der amerikanische Biochemiker Samurai T.D. Luckey momentan Aufsehen. Er schlägt vor, das Strahlungsdefizit grosser Teile der Bevölkerung durch Abgabe von Atommüll-Pillen zu beheben. Das Bad Hofgastein preist sie in höchsten Tönen an, die heilende Wirkung seiner Radontherapie. Gegen rheumatische Erkrankungen, Arthrose , Schmerzzustände, ja sogar Störung von Fertilität und Potenz soll das radioaktive Edelgas helfen, das dort mit dem heissen Quellwasser an die Oberfläche gespült wird. Ab 525 Euro für die dreiwöchige Kur ist man mit dabei.

WIE VITAMINMANGEL. Nun haben die österreichischen Badeärzte Sukkurs von unerwarteter Seite erhalten. Entgegen der seit Jahrzehnten verbreiteten Schulweisheit, radioaktive Strahlung könne auch in niedrigsten Dosen noch Krebs verursachen, behauptet nun der Biochemie-Professor Samurai T.D. Luckey genau das Gegenteil. Der ehemalige Ernährungsberater der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa hat nach eigenen Angaben über 3000 wissenschaftliche Arbeiten studiert und kommt zum Schluss, dass niedrig dosierte Strahlung gut ist für die menschliche Gesundheit, Infektionen und sogar Krebserkrankungen verhindern hilft.

Wie Luckey in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift «International Journal of Low Radiation» darlegt, lebe die heutige Gesellschaft teilweise mit einem ungesunden «Strahlendefizit». Dieses könne aber – ähnlich wie bei Vitaminmangel – durch Einnahme speziell abgeschirmter kleiner Atommüll-Pillen behoben werden. Allerdings räumt Luckey ein, dass dazu zuvor noch mehrere Fragen geklärt werden müssten, unter anderem, wie hoch denn die optimale Strahlendosis sein dürfte?

KREBSHÄUFIGKEIT IN ATOMANLAGEN. Der Biochemiker stützt seine abenteuerlich anmutende These auf verschiedene Beobachtungen und Statistiken ab. Zum einen zeigen laut Luckey Bevölkerungsstudien in den USA und in Indien, dass die Krebs-Todesrate in Landesteilen mit hoher natürlicher Hintergrundsstrahlung markant niedriger ist als in strahlenarmen Gegenden. Weiter zitiert Luckey acht Untersuchungen über die Krebs-Sterblichkeit bei insgesamt 123 846 Mitarbeitern in Atomanlagen mit einer kumulierten Arbeitszeit von zwölf Millionen Jahren. Im Vergleich zu nicht-exponierten Arbeitern in derselben Altersklasse nahm die Krebs-Todesrate bei den in der Nuklearindustrie Tätigen mit steigender Strahlenbelastung ab. Luckey rechnet vor, dass die krebsunterdrückende Wirkung radioaktiver Strahlung bei einer Dosis von etwa 18 Millisievert pro Jahr – das entspricht rund der vierfachen mittleren Strahlenbelastung der Schweizer Bevölkerung – am effektivsten wäre.

NICHT BELEGT. «Diese These ist mir bekannt», sagt Hansruedi Völkle, Professor für Kernphysik an der Uni Fribourg und ehemaliger Leiter der Sektion Überwachung Radioaktivität des Bundesamtes für Gesundheit. «Die Theorie ist auch unter dem Fachbegriff ‹Hormesis› bekannt und beruht auf der Beobachtung, dass kleine Mengen von Schadstoffen das Immunsystem trainieren und fit machen können für den Ernstfall.» So sei ein positiver Effekt niedrig dosierter radioaktiver Strahlung «vorstellbar, aber bis jetzt konnte das noch niemand belegen». Das sei auch praktisch unmöglich. Denn dazu müsste der Gesundheitszustand einer grossen Anzahl Menschen mit und ohne Strahlenbelastung über Generationen hinweg beobachtet werden.

Daher stützen sich die Strahlenschützer international immer noch auf das lineare Modell, das sich auf die Erfahrungen mit den Atombomben-Opfern von Hiroshima und Nagasaki abstützt. Damals konnte die Beziehung zwischen hohen Strahlendosen und Krebshäufigkeit klar aufgezeigt werden. Diese Beziehungskurve wurde in Richtung Null-Dosis extrapoliert und gilt heute offiziell immer noch. «Was sich tatsächlich abspielt im Niedrigdosis-Bereich, weiss man nicht. Aber mit der Nulltoleranz befinden wir uns wenigstens auf der sicheren Seite», ist Hansruedi Völkle überzeugt.